Es war damals keine unbedingt angenehme oder leicht zu akzeptierende Vorstellung, dass wir das, was wir bei uns selbst nicht sehen wollen – unsere eigenen Schattenseiten – auf andere Menschen projizieren. Aber je mehr wir darüber nachdachten und versuchten, uns mit dem Gedanken anzufreunden, desto mehr spürten wir tief in unserem Inneren, dass wir ihn nicht ganz von der Hand weisen konnten, auch wenn wir große Widerstände dagegen hatten. Wir spürten, dass in dem Gedanken der Schattenprojektion Wahrheit steckte und dass, wenn wir den Mut hätten, eigene Schattenseiten von uns anzuschauen, dies unser Leben grundlegend verändern könnte und Heilung auf mehreren Ebenen stattfinden könnte.
Die Reinkarnationstherapie unterscheidet zwischen Täter- und Opferleben.
Wenn wir den Schatten nur in unserem jetzigen Leben suchen, haben wir manchmal das Gefühl, das es ihn nicht gebe. Wir finden viele Opfererfahrungen – insbesondere aus der Kindheit, aber auch in unserem Erwachsenenleben – und können uns gar nicht vorstellen, was mit unserem eigenen Schatten, unserem Täteranteil, gemeint ist. Wir wollen doch immer nur das Beste und handeln immer nach bestem Wissen und Gewissen. Um zu verstehen, wie Täter- und Opfererfahrungen zusammenhängen, müssen wir unseren Blick erweitern und auch vergangene Leben ins Visier nehmen. In der Reinkarnationstherapie unterscheiden wir zwischen Täter- und Opferleben. Täterleben sind diejenigen, in denen wir als Täter gegenüber anderen Menschen auftraten, sei es als Mörder, Verbrecher, Vergewaltiger, Henker, usw. Opferleben hingegen sind die Leben, in denen wir Opfer der Handlungen anderer Menschen gewesen sind, z.B., als vergewaltigte Frau oder als missbrauchtes Kind.
Es gibt natürlich auch Mischformen, Leben, in denen wir Opfer waren, uns aber in einer bestimmten Situation als Täter gefühlt haben, oder in denen wir Opfer und Täter gleichzeitig waren, beispielsweise als Soldat im Krieg. Wenn wir Täterleben therapeutisch bearbeiten, so ist die Bearbeitung der Kindheit dieser Leben von besonderer Wichtigkeit, denn erst, wenn man noch einmal die Ereignisse dieser durchlebt hat und gespürt hat, was dort passiert ist, kann man verstehen, was einen zum Täter gemacht hat, kann die eigene Entwicklung nachvollziehen und mit sich selbst in Frieden kommen. Je mehr eigene Schattenanteile wir integrieren, desto überflüssiger werden Projektionen oder Verurteilungen anderer Menschen.
Der Unterschied zwischen dem Erkennen und Benennen auf der einen Seite und dem Verurteilen auf der anderen Seite.
Das soll jedoch nicht zu einer Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber Menschen oder Ereignissen führen. Im Gegenteil, die Schärfe des Erkennens verbessert sich eher noch durch die Integration des eigenen Schattens. Es ist gut und wichtig, Dinge zu erkennen und sie auch beim Namen zu nennen. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Erkennen und Benennen auf der einen Seite und dem Verurteilen auf der anderen Seite.
Der Unterschied liegt in der „emotionalen Ladung“. Wenn wir uns über etwas sehr aufregen, so haben wir eine emotionale Resonanz zu dem Thema oder dem betreffenden Menschen. Diese Resonanz weist oft auf ein eigenes verdrängtes Thema hin. Wenn das Thema bearbeitet ist, schärft und klärt sich unsere Wahrnehmung. Wir sehen immer noch Dinge, die uns nicht gefallen, aber die emotionale Ladung ist nicht mehr so stark, wie wenn wir selbst aufgrund eigener unerledigter Themen noch etwas mit der Sache zu tun haben.
Auch Gefühle wie Angst und Hass hängen oft eng mit Schuldgefühlen, die aus unseren unbearbeiteten Schattenanteilen kommen, zusammen. Oft ist Angst eine unbewusste Angst vor Bestrafung. Wir fühlen uns schuldig für Dinge, die wir in vergangenen Leben getan und vergessen oder verdrängt haben, und spüren das Gefühl der Angst. Wenn wir die verdrängte Geschichte ins Bewusstsein gebracht haben, sie bearbeitet und integriert haben, verschwindet die Angst häufig.
Meine Klientin Sandra kam wegen starker Ängste zu mir in Therapie. Wir bearbeiteten einige traumatische Situationen aus ihrer Kindheit, aus der Zeit im Mutterleib, der Zeugung und aus vergangenen Leben. Besonders in der Zeit im Mutterleib erlebte sie immer wieder Todesangst. In der Rückführung stellte sich heraus, dass ihre Mutter oft ablehnende Gedanken gegenüber dem Baby hatte. Sie arbeitete sehr viel, auch körperlich, weil sie den uneingestandenen Wunsch hatte, das Baby möge verschwinden.
Auch in der Kindheit fanden wir einige traumatische Erlebnisse. Es handelte sich immer um Opfererfahrungen. Nachdem wir viel bearbeitet hatten, besserten sich Sandras Symptome. Die Therapie war fast abgeschlossen, als sich der Schatten zeigte.
Sandra kam in eine Stunde und erzählte, dass eine Bewohnerin des Heims, in dem sie arbeitete, gestorben sei. Dieses Ereignis hatte bei Sandra eine Depression und Gefühle von Sinnlosigkeit ausgelöst. Sie sagte, sie habe nicht weinen können. Sie frage sich, welchen Sinn das Leben überhaupt habe, wenn einen doch jederzeit der Tod treffen könne. Sie habe Angst davor, dass der Geist eines gestorbenen Menschen ihr begegnen könne. Sie fühlt sich schuldig, ohne zu wissen warum.
In der Rückführung führt ihr Unterbewusstsein sie in eine Situation aus einem vergangenen Leben. Sie ist schwanger. Der Arzt teilt ihr mit, dass ihr ungeborenes Kind im Mutterleib gestorben ist. Sie macht sich Vorwürfe und gibt sich die Schuld am Tod des ungeborenen Babies. Sie denkt „ich darf nicht glücklich sein“. Sie fühlt Leere. Bei ihrem Mann wird etwas zerstört. Er ist nach diesem Tag nicht mehr fröhlich. Sie gibt sich auf und fühlt Sinnlosigkeit. Sie fühlt sich, als seien ihre Gefühle gestorben und sie denkt „ich will sterben“. Sie lebt noch einige Jahre in diesem resignierten Zustand. Als sie schließlich stirbt, denkt sie „jetzt ist es endlich vorbei“. Wir gehen an den Anfang der Geschichte zurück. Sie hat in jenem Leben eine schwere Kindheit gehabt. Ihre Eltern kümmerten sich nicht um sie. Ein Teil von ihr verschließt sich. Sie lebt lange allein, bis sie als junge Frau ihren zukünftigen Mann kennen lernt. Sie heiraten. Als sie von der Schwangerschaft erfährt, ist ihr Gefühl Gleichgültigkeit. Sie kann sich nicht freuen.
Wir bearbeiten alles gründlich. Ich lasse sie die Teile von sich selbst zurückholen, die mit dem Baby gestorben sind. Dann tritt sie mit der Seele des Babys in Kontakt und sagt alles, was ungesagt geblieben ist. Sie atmet alle Todes-, Schock- und Erstarrungsenergie aus und verbindet sich dann mit ihrer eigenen Lebensenergie, mit Lebendigkeit, Kraft, Heilung und Transformation.
Diese Arbeit ist Sandras vorletzte Therapiestunde. Sie kommt noch einmal und dann höre ich ein paar Monate nichts von ihr. Schließlich ruft sie an und erzählt mir, dass sie schwanger sei. Ich muss sofort an unsere Arbeit denken. Neun Monate nach der Rückführung hat sie einen gesunden, prächtigen Jungen zur Welt gebracht, das heißt, das Kind wurde um den Zeitpunkt der Rückführung herum gezeugt. Ich freue mich so sehr über diese wunderbare Entwicklung in Sandras Leben und ich freue mich, sehen zu dürfen, dass das Leben und die Liebe stärker sind als Tod und Angst.
Gerade die Schattenbearbeitung hat eine äußerst heilsame Wirkung auf das Leben der betreffenden Person.
Ich habe immer wieder nach Rückführungen in Täterleben erfahren, dass gerade die Schattenbearbeitung eine äußerst heilsame Wirkung auf das Leben der betreffenden Person hat. Ein Mensch, der den Mut hat, die eigenen Schattenseiten anzuschauen und zu integrieren, wird oft durch ein Anwachsen der Lebensenergie und Lebensqualität sowie Qualität seiner Beziehungen belohnt. Das Lebensgefühl kann sich grundlegend verändern. Aber es ist natürlich nicht angenehm, sich selbst als Täter zu erleben, als Mörder, als Verräter, als Vergewaltiger. Es gehört Mut dazu und eine tragfähige Persönlichkeit, die in der Lage ist, die gefundenen Erlebnisse zu integrieren.
Deshalb meldet sich der Schatten meist erst dann, wenn die Persönlichkeit von ihrer seelischen Entwicklung her in der Lage ist, ihn zu integrieren. Vorher ist es nicht ratsam, den Schatten hervorzulocken, denn wenn die Persönlichkeit noch nicht reif ist, ihn zu integrieren, könnte die Person in eine Abwehrhaltung gehen. Es ist sehr wichtig, den individuellen Entwicklungsweg einer jeden Seele zu respektieren. Was für den einen jetzt reif ist, ist für den anderen vielleicht erst in zehn oder zwanzig Jahren oder im nächsten Leben an der Reihe. Oft ist viel Leidensdruck notwendig, damit die tiefsten Schattenseiten eines Menschen an die Oberfläche kommen. Wenn dies geschieht, kann es eine enorm befreiende und heilsame Wirkung haben.




